Die elf Leitsätze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für eine aufgeschlossene Kirche scheuen die institutionelle Selbstentäußerung, die der Kirche als geistliche Aufgabe heute gestellt ist.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat elf Leitsätze veröffentlicht. Für eine „aufgeschlossene Kirche“, wie es heißt. Um Himmels willen, war das nötig? Anscheinend schon, denn die EKD konnte nicht anders. Schließlich geht das Dokument auf ein „Zukunftsteam“ zurück, welches die EKD-Synode 2017 beauftragt hatte, die Impulse aus dem Reformationsjubiläum für die Weiterentwicklung der Kirche fruchtbar zu machen.

Diesem „Z-Team“ gehören hochrangige Vertreterinnen und Vertreter der verfassten Kirche an, darunter der bayrische Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm (München) oder die Landesbischöfin der Nordkirche, Kristina Kühnbaum-Schmidt (Schwerin). Die EKD ist unter anderem durch den Vizepräsidenten ihres Kirchenamtes, Dr. Thies Gundlach (Hannover), vertreten.

Angesichts der versammelten geistigen Kapazitäten ist es nicht verwunderlich, dass die elf Leitsätze samt Einleitung und Ausblick ein ausgewiesenes Zeugnis kirchlicher Leitungskultur geworden sind. Im Duktus einer wissenschaftsnahen Sprache lässt das Dokument in jedem Satz erkennen, dass die Autorinnen und Autoren sprachmächtige Interpreten unserer Gesellschaft sind.

Einer Gesellschaft, der ihre kirchlichen Traditionen zunehmend fremd werden und die einer Kirchenmitgliedschaft immer weniger Bedeutung zumisst. Nun ist es einer Institution überhaupt nicht vorzuwerfen, dass sie nach Wegen sucht, einer Krise entgegenzuwirken. Die Kirchenaustritte schmerzen und führen in der Öffentlichkeit stets zu dem Vorwurf, dass nicht nur die Kirche, sondern der christliche Glaube seine Bindungsfähigkeit und Überzeugungskraft eingebüßt habe.

Wer wollte es da den Kirchenvertreterinnen und -vertretern verdenken, dass sie für Gott in die Bresche springen und seine Sache zu ihrer machen. Auf dass die Kirche Menschen weiter eine Heimat biete oder zumindest, wenn auch mit weniger Mitgliedern, eine öffentliche Kraft bleibe.

Allein, der Glaube daran, dass die elf Leitsätze eine sinnvolle oder gar notwendige Initiative in diesen Zeiten sein könnten, fällt schwer. Denn am Ende bleiben sie genau das, was das Problem darstellt: Zeugnis einer Institution, die bei vielen Menschen ihre Attraktivität und Glaubwürdigkeit eingebüßt hat.

Wer sich das Papier genauer anschaut, erkennt darin die selbstreferenzielle Perspektive einer Institution, die sich der Vorstellung hingibt, als könnte eine Reformdebatte auf der Ebene kirchlicher Leitungsorgane das geistliche Leben in unserem Land befördern. Dass dieses Ansinnen kaum verfängt, hat sich in der Vergangenheit ja bereits mehrfach und vielerorts erwiesen.

Vor diesem Hintergrund ist es einigermaßen verstörend, dass immer wieder der gleiche Versuch gestartet wird. Anscheinend ist der Glaube an die glaubensstärkende Kraft solcher Debatten unkaputtbar. Dabei geht es nach evangelischem Kirchenverständnis doch weniger um die Kirche in ihrer institutionellen Form, sondern vor allem um die Frage, wie das Evangelium, die gute Nachricht von der Liebe Gottes zu den Menschen, unter uns Raum und Ausstrahlung findet.

Natürlich ist das eine nicht gegen das andere auszuspielen. Der grundlegende Auftrag der Institution Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums. Insofern muss diese stets daraufhin überprüft werden, inwieweit sie diesem Auftrag entspricht. Doch von kirchlichen Reformen einen volksmissionarischen Aufbruch zu erwarten, erscheint angesichts aller Erfahrungen und Erkenntnisse reichlich kühn.

Insbesondere dürfte es wenig sinnvoll zu sein, für diese internen Reformen der Kirche eine breite öffentliche Plattform zu suchen. Denn sie versprühen kaum mehr als technokratischen Charme und sind vor allem eine Aufgabe für Funktionäre in den Leitungsorganen und Verwaltungen.

Die Öffentlichkeit interessiert vielmehr, welchen Ausdruck ein lebendiger, gelebter christlicher Glaube in unserer Zeit findet und welche Bedeutung er für Menschen heute haben kann. Es geht um die geistliche Praxis und ihre Ausstrahlung in Wort und Tat, in den diversen Öffentlichkeiten, in denen wir uns bewegen, ob analog oder digital, in politischen Diskursen oder im Gemeinwesen vor Ort.

Wenn die Institution Kirche erfolgreich ist, stellt sie Ermöglichungsstrukturen bereit, in denen Menschen ihren christlichen Glauben leben können, in Gemeinschaft mit anderen und geistesgegenwärtig angesichts der Herausforderungen unserer Zeit. Im Vertrauen, dass daraus auch eine Akzeptanz ihrer institutionellen Form entsteht. Denn die evangelische Kirche ist selber Medium, nicht Heilsanstalt.

Nun müssen wir der Volkskirche nicht das Sterbeglöcklein läuten, aber es wäre auch illusorisch, durch die Reform ihrer Strukturen und Verfahren ein Brausen des Heiligen Geistes zu erwarten. Gleich zu Beginn ihrer elf Thesen formuliert das EKD-Zukunftsteam eine Erkenntnis, die dazu hätte führen können, auf das Papier zu verzichten. Dort heißt es, die Kirche werde künftig Zurückhaltung üben, wo der Rückbezug auf das Evangelium nicht deutlich und der Zusammenhang mit dem eigenen Handeln nicht erkennbar werde.

Diese Zurückhaltung indessen wird nicht geübt. Stattdessen entwickelt die EKD mit geballter Kraft erneut ein Strategiepapier, wie die verfasste Kirche effektiver sein kann. Damit verfehlt sie die institutionelle Selbstentäußerung, die der Kirche als geistliche Aufgabe heute gestellt ist.