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Von Michael Strauss

Die Geburt der abendländischen Kultur erfolgte durch einen Höllensturz: Als nämlich der Philosoph Thales von Milet im siebten Jahrhundert vor Christus in die Sterne blickte, um die Geheimnisse des Universums zu bedenken, übersah er einen Brunnen und stürzte kopfüber hinein. Das fand eine thrakische Magd total komisch und spottete: Da sieht man’s, wer zum Himmel strebt, fällt nur zu bald auf die Nase. Ein Witz der seither millionenfache Varianten entwickelt hat. (Foto: Rike/Pixelio)

Immer wieder hat der Mensch im Laufe der Geschichte versucht, den Himmel zu erstürmen, Schöpfer seiner selbst und Baumeister einer neuen Welt zu werden. Dabei musste er allerdings stets aufs Neue erkennen, wie grotesk dieses Vorhaben ist, denn der Höllensturz der Kultur ist der Fall aus dem Paradies.

Daraus könnte man folgern, dass das Lachen eine fromme Tugend sei – weil es Gott Gott sein lässt und den Menschen einen Menschen – und dass die Antike, erst recht das Christentum, eine heitere Kultur und eine Religion der Fröhlichkeit hervorgebracht hätten. Doch weit gefehlt: Die moralischen Skrupel der Antike gegenüber dem Komischen setzen sich im frühchristlichen und mittelalterlichen Denken fort.

Weder die Kirchenväter noch die Scholastik hatten viel Gutes über das Lachen zu sagen. Häufig wurde es als närrisches Verhalten und Abweichung von den eigentlichen christlichen Aufgaben verstanden: nämlich die Sünden der Welt zu beweinen und sich in diesem Leben in Demut und Zucht auf die Freuden des ewigen Lebens vorzubereiten. Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ ist dafür ein literarisches Beispiel.

Das Monopol der rationalistischen Vernunft bröckelt
So ist es kein Wunder, dass die Narren bis heute unter dem Verdacht stehen, die Welt in Unordnung zu bringen, das Niedrige, Fiese und Gemeine des Menschen darzustellen und damit die Moral der Gesellschaft zu untergraben. Eine gesellschaftlich eingehegte Variante dieser närrischen Unordnung, die ihre subversive Potenz allerdings weitgehend verloren hat, erleben wir bis heute während der „fünften Jahreszeit“, dem Karneval. Und natürlich im Fernsehen.

Während die einen im medialen Nonsens den Untergang der abendländischen Kultur sehen, frönen die anderen der Lust am Nichtigen und empfinden Genugtuung darüber, dass das kulturelle Monopol der rationalistischen Vernunft bröckelt. In der Überzeugung, dass diese oft nicht in die Freiheit, sondern in die Sackgasse des technischen Fortschritts und der politischen Korrektheit geführt habe. So propagieren sie den Auszug des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Humorlosigkeit.

Daraus ist in den vergangenen Jahren geradezu ein Trend geworden, häufig mit dem Etikett „Comedy“ versehen. Seine Vertreter machen das Fernsehen ausgesprochenermaßen zu dem, was es unausgesprochenermaßen für viele sowieso meistens ist: ein Medium des Trivialen. Die Intelligenz der TV-Narren liegt indessen darin, dass sie ihr wegleitendes Prinzip nicht wie viele andere Fernseh-Macher mit einem Pseudosinn versehen, sondern frank und frei zugeben, dass es ihnen um die pure Sinnlosigkeit geht.

Im Unterschied zu früher wird der neue Nonsens nicht mehr verschämt auf wenige Sendeplätze am Rand des Programms begrenzt, er hat mittlerweile den kulturellen Mainstream erobert. Und doch muss die zwecklose Lust am Nichtigen nicht eine zynische Attacke auf die Vernunft darstellen. Sie könnte vielmehr eine heilsame Infragestellung des totalen Geltungsanspruchs ihrer rationalistischen Variante sein.

Das Absurde und Nichtige, Unsinnige und Triviale könnte gar ihr Spiegelbild sein. Denn wie wenig der Rationalismus den in seinem Namen beschworenen Werten zum Durchbruch verholfen hat, lässt sich heute allerorten beobachten: keine Politik ohne Heuchelei, keine Wissenschaft ohne Verantwortungslosigkeit, keine Technik ohne Zerstörung.

Die subversive Kraft des moralischen Bewusstseins
Es ist die rationalistische Vernunft, die die Menschheit an den Rand der Katastrophe gebracht hat. Deshalb kann es kaum verwundern, wenn der geradezu therapeutische Versuch an Attraktivität gewinnt, deren Schwächen in der Lust am Nichtigen zynisch aufzuheben. Könnte nicht das Lachen über den Unsinn dazu dienen, sich von der Verzweifelung über die mangelnde Sinnhaftigkeit vieler Vorgänge zu befreien? Diese „comic relief“, die spannungslösende Komik, wäre dann die subversive Kraft des moralischen Bewusstseins.

Der Philosoph Joachim Ritter, der einige der tiefsinnigsten Erwägungen zur Bedeutung des Komischen angestellt hat, versteht das Lachen als eine Bewegung, „die das von der Vernunft Ausgegrenzte ergreift und dem Sein zuträgt, was die Vernunft und der verständige Begriff nie fassen kann: seine unendliche Fülle und Tiefe.“

Demnach ist die zwecklose Lust am Nichtigen nicht nur ein Reflex auf die Schwächen des Rationalismus, sie zeigt der Ratio vielmehr generell ihre Grenzen auf. Der „verständige Ernst“, so Ritter, müsse erkennen, dass das für ihn Wesentliche und Wirkliche nicht identisch ist mit dem Wirklichen und Wesentlichen des Daseins selbst: „Die Vernunft hört auf, göttlich zu sein und wird zur menschlichen Vernunft, die da, wo sie sich für das Ganze nimmt, anmaßend und blind zugleich gegenüber dem Reichtum des Seins wird.“

Das Christentum - vom Willen zur Narrheit erfüllt
Diese philosophischen Erwägungen berühren eine zutiefst religiöse Dimension. Denn wiewohl sich das Christentum seiner kulturellen und zivilisatorischen Kraft rühmt, birgt es im Kern eine geradezu revolutionäre Weltsicht, die jede bürgerliche Rechtschaffenheit und weltliche Klugheit sprengt. Das „ursprüngliche Christentum war vom Willen zur Narrheit erfüllt“, wie der Schweizer Theologe Walter Nigg in seiner Studie „Der christliche Narr“ gezeigt hat.

Und in der Tat stoßen wir im Neuen Testament auf Aussagen, die vielen Konventionen sowie Auffassungen, was klug und weise sei, diametral entgegenstehen. Vielfach sind sie im Laufe der Christentumsgeschichte lediglich domestiziert oder verdrängt worden, so dass ihre Ungeheuerlichkeit aus dem Blick geriet. Nur wenige komische Heilige erinnerten die Christenheit bisweilen an ihre närrischen Quellen.

Zum Beispiel daran, dass Jesus die geistlich Armen preist und ihnen das Himmelreich verspricht (Matthäus 5,3); dass er Gott dafür dankt, dass er seine Botschaft den Weisen und Klugen verborgen und stattdessen den Unmündigen offenbart hat (Matthäus 11,25); oder dass er prophezeit hat, dass Zöllner und Dirnen vor den Schriftgelehrten ins Reich Gottes kommen (Matthäus 21,31). Jesu Lehre und Lebenswandel waren so skandalös und anstößig, dass selbst seine Familie den Eindruck hatte, er sei wahnsinnig geworden (Markus 3,21).

Insbesondere Paulus verstand die revolutionäre Logik Jesu und prägte eine Theologie der Narrheit, die den Christen seitdem als Stachel im Fleisch sitzt. Das Wort vom Kreuz, so schrieb er, sei „eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft“ (1. Korinther 1,18). Gott habe die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht, indem er durch die Torheit der Predigt diejenigen selig mache, die daran glauben. So mahnt er: „Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde.“ (1. Korinther 3,18)

Seitdem hat es immer wieder „Narren in Christo“ gegeben, die dem, was Walter Nigg die „Übervernunft“ des christlichen Glaubens genannt hat, Ausdruck verliehen haben, jener „Einfalt des Herzens“ (Nigg), die das Wort Gottes als unbedingte Anrede erfährt. Sie ist eine Logik sui generis, welche die Lebenshaltung und Lebensführung radikalisiert. Eine Herausforderung für jeden Christen, denn: „Christ sein heißt, in einem fortwährenden närrischen Ringen um den Durchgang durch die enge Pforte zu kämpfen.“ (Nigg)

Die Erfahrung des Komischen als Erfahrung der Transzendenz
„Glaubensritter“ hat Kierkegaard all diejenigen genannt, die das Wagnis des Glaubens eingehen, in Anspielung auf den berühmtesten „Narren in Christo“ der Weltliteratur: Don Quijote. In seinen Abenteuern spiegelt sich nicht nur die gesellschaftliche Realität seiner Zeit, sondern – aus der Haltung des Gläubigen – das, was jenseits oder hinter unserer Welt liegt, das „totaliter aliter“, das ganz Andere.

Die heilige Narrheit, so meint der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger zu diesem Phänomen, mache durch ihre grotesken Züge deutlich, „wie die Andersheit in das gewöhnliche Leben einbricht, zeigt aber auch die Unmöglichkeit, dieses Andere in den Kategorien der normalen Realität zu fassen“. Die Narrheit werde als ein Vorspiel zur Überwindung der empirischen Welt erkennbar.

Insofern ist die Erfahrung des Komischen eine Erfahrung der Transzendenz. Sie stellt den Menschen – wenn auch nur für kurze Zeit – außerhalb seiner dominanten gewöhnlichen Welt. In ihrer säkularen Variante erfährt sich der Mensch als widersprüchliches Wesen; in religiöser Sichtweise aber erkennt er sich als Teil der göttlichen Schöpfung.

Wenn das stimmt, erweisen uns die Narren auch unserer Tage einen geradezu aufklärerischen Dienst. Sie geben eine ausschließlich rationalistische Sicht der Welt der Lächerlichkeit preis, weil sie eine verengte Perspektive des Lebens darstellt und in ihrer Verabsolutierung unmenschlich ist. Die Wertschätzung des Närrischen dagegen, das „Lob der Torheit“ (Erasmus), bewahrt uns davor, dass wir uns überheben und das Leben ausschließlich als Projekt des eigenen Vermögens verstehen.

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