Die
Geburt der abendländischen Kultur erfolgte durch einen Höllensturz: Als nämlich
der Philosoph Thales von Milet im siebten Jahrhundert vor Christus in die
Sterne blickte, um die Geheimnisse des Universums zu bedenken, übersah er einen
Brunnen und stürzte kopfüber hinein. Das fand eine thrakische Magd total
komisch und spottete: Da sieht man’s, wer zum Himmel strebt, fällt nur zu bald
auf die Nase. Ein Witz der seither millionenfache Varianten entwickelt hat. (Foto: Rike/Pixelio)
Immer
wieder hat der Mensch im Laufe der Geschichte versucht, den Himmel zu erstürmen,
Schöpfer seiner selbst und Baumeister einer neuen Welt zu werden. Dabei musste
er allerdings stets aufs Neue erkennen, wie grotesk dieses Vorhaben ist, denn
der Höllensturz der Kultur ist der Fall aus dem Paradies.
Daraus
könnte man folgern, dass das Lachen eine fromme Tugend sei – weil es Gott Gott
sein lässt und den Menschen einen Menschen – und dass die Antike, erst recht
das Christentum, eine heitere Kultur und eine Religion der Fröhlichkeit hervorgebracht
hätten. Doch weit gefehlt: Die moralischen Skrupel der Antike gegenüber dem Komischen
setzen sich im frühchristlichen und mittelalterlichen Denken fort.
Weder
die Kirchenväter noch die Scholastik hatten viel Gutes über das Lachen zu
sagen. Häufig wurde es als närrisches Verhalten und Abweichung von den eigentlichen
christlichen Aufgaben verstanden: nämlich die Sünden der Welt zu beweinen und
sich in diesem Leben in Demut und Zucht auf die Freuden des ewigen Lebens
vorzubereiten. Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ ist dafür ein
literarisches Beispiel.
Das Monopol der rationalistischen Vernunft bröckelt So
ist es kein Wunder, dass die Narren bis heute unter dem Verdacht stehen, die
Welt in Unordnung zu bringen, das Niedrige, Fiese und Gemeine des Menschen darzustellen
und damit die Moral der Gesellschaft zu untergraben. Eine gesellschaftlich
eingehegte Variante dieser närrischen Unordnung, die ihre subversive Potenz
allerdings weitgehend verloren hat, erleben wir bis heute während der „fünften
Jahreszeit“, dem Karneval. Und natürlich im Fernsehen.
Während
die einen im medialen Nonsens den Untergang der abendländischen Kultur sehen,
frönen die anderen der Lust am Nichtigen und empfinden Genugtuung darüber, dass
das kulturelle Monopol der rationalistischen Vernunft bröckelt. In der Überzeugung,
dass diese oft nicht in die Freiheit, sondern in die Sackgasse des technischen
Fortschritts und der politischen Korrektheit geführt habe. So propagieren sie
den Auszug des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Humorlosigkeit.
Daraus
ist in den vergangenen Jahren geradezu ein Trend geworden, häufig mit dem
Etikett „Comedy“ versehen. Seine Vertreter machen das Fernsehen ausgesprochenermaßen
zu dem, was es unausgesprochenermaßen für viele sowieso meistens ist: ein
Medium des Trivialen. Die Intelligenz der TV-Narren liegt indessen darin, dass
sie ihr wegleitendes Prinzip nicht wie viele andere Fernseh-Macher mit einem
Pseudosinn versehen, sondern frank und frei zugeben, dass es ihnen um die pure
Sinnlosigkeit geht.
Im
Unterschied zu früher wird der neue Nonsens nicht mehr verschämt auf wenige
Sendeplätze am Rand des Programms begrenzt, er hat mittlerweile den kulturellen
Mainstream erobert. Und doch muss die zwecklose Lust am Nichtigen nicht eine zynische
Attacke auf die Vernunft darstellen. Sie könnte vielmehr eine heilsame Infragestellung
des totalen Geltungsanspruchs ihrer rationalistischen Variante sein.
Das
Absurde und Nichtige, Unsinnige und Triviale könnte gar ihr Spiegelbild sein.
Denn wie wenig der Rationalismus den in seinem Namen beschworenen Werten zum
Durchbruch verholfen hat, lässt sich heute allerorten beobachten: keine Politik
ohne Heuchelei, keine Wissenschaft ohne Verantwortungslosigkeit, keine Technik
ohne Zerstörung.
Die subversive Kraft des moralischen Bewusstseins Es
ist die rationalistische Vernunft, die die Menschheit an den Rand der
Katastrophe gebracht hat. Deshalb kann es kaum verwundern, wenn der geradezu
therapeutische Versuch an Attraktivität gewinnt, deren Schwächen in der Lust am
Nichtigen zynisch aufzuheben. Könnte nicht das Lachen über den Unsinn dazu
dienen, sich von der Verzweifelung über die mangelnde Sinnhaftigkeit vieler
Vorgänge zu befreien? Diese „comic relief“, die spannungslösende Komik, wäre
dann die subversive Kraft des moralischen Bewusstseins.
Der
Philosoph Joachim Ritter, der einige der tiefsinnigsten Erwägungen zur Bedeutung
des Komischen angestellt hat, versteht das Lachen als eine Bewegung, „die das
von der Vernunft Ausgegrenzte ergreift und dem Sein zuträgt, was die Vernunft
und der verständige Begriff nie fassen kann: seine unendliche Fülle und Tiefe.“
Demnach
ist die zwecklose Lust am Nichtigen nicht nur ein Reflex auf die Schwächen des
Rationalismus, sie zeigt der Ratio vielmehr generell ihre Grenzen auf. Der
„verständige Ernst“, so Ritter, müsse erkennen, dass das für ihn Wesentliche
und Wirkliche nicht identisch ist mit dem Wirklichen und Wesentlichen des
Daseins selbst: „Die Vernunft hört auf, göttlich zu sein und wird zur
menschlichen Vernunft, die da, wo sie sich für das Ganze nimmt, anmaßend und
blind zugleich gegenüber dem Reichtum des Seins wird.“
Das Christentum - vom Willen zur Narrheit erfüllt Diese
philosophischen Erwägungen berühren eine zutiefst religiöse Dimension. Denn
wiewohl sich das Christentum seiner kulturellen und zivilisatorischen Kraft
rühmt, birgt es im Kern eine geradezu revolutionäre Weltsicht, die jede
bürgerliche Rechtschaffenheit und weltliche Klugheit sprengt. Das
„ursprüngliche Christentum war vom Willen zur Narrheit erfüllt“, wie der
Schweizer Theologe Walter Nigg in seiner Studie „Der christliche Narr“ gezeigt
hat.
Und
in der Tat stoßen wir im Neuen Testament auf Aussagen, die vielen Konventionen
sowie Auffassungen, was klug und weise sei, diametral entgegenstehen. Vielfach
sind sie im Laufe der Christentumsgeschichte lediglich domestiziert oder verdrängt
worden, so dass ihre Ungeheuerlichkeit aus dem Blick geriet. Nur wenige komische
Heilige erinnerten die Christenheit bisweilen an ihre närrischen Quellen.
Zum
Beispiel daran, dass Jesus die geistlich Armen preist und ihnen das Himmelreich
verspricht (Matthäus 5,3); dass er Gott dafür dankt, dass er seine Botschaft
den Weisen und Klugen verborgen und stattdessen den Unmündigen offenbart hat
(Matthäus 11,25); oder dass er prophezeit hat, dass Zöllner und Dirnen vor den
Schriftgelehrten ins Reich Gottes kommen (Matthäus 21,31). Jesu Lehre und
Lebenswandel waren so skandalös und anstößig, dass selbst seine Familie den
Eindruck hatte, er sei wahnsinnig geworden (Markus 3,21).
Insbesondere
Paulus verstand die revolutionäre Logik Jesu und prägte eine Theologie der
Narrheit, die den Christen seitdem als Stachel im Fleisch sitzt. Das Wort vom
Kreuz, so schrieb er, sei „eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber,
die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft“ (1. Korinther 1,18). Gott habe die
Weisheit der Welt zur Torheit gemacht, indem er durch die Torheit der Predigt
diejenigen selig mache, die daran glauben. So mahnt er: „Wer unter euch meint,
weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde.“ (1.
Korinther 3,18)
Seitdem
hat es immer wieder „Narren in Christo“ gegeben, die dem, was Walter Nigg die
„Übervernunft“ des christlichen Glaubens genannt hat, Ausdruck verliehen haben,
jener „Einfalt des Herzens“ (Nigg), die das Wort Gottes als unbedingte Anrede erfährt.
Sie ist eine Logik sui generis, welche die Lebenshaltung und Lebensführung
radikalisiert. Eine Herausforderung für jeden Christen, denn: „Christ sein
heißt, in einem fortwährenden närrischen Ringen um den Durchgang durch die enge
Pforte zu kämpfen.“ (Nigg)
Die Erfahrung des Komischen als Erfahrung der Transzendenz „Glaubensritter“
hat Kierkegaard all diejenigen genannt, die das Wagnis des Glaubens eingehen,
in Anspielung auf den berühmtesten „Narren in Christo“ der Weltliteratur: Don
Quijote. In seinen Abenteuern spiegelt sich nicht nur die gesellschaftliche
Realität seiner Zeit, sondern – aus der Haltung des Gläubigen – das, was
jenseits oder hinter unserer Welt liegt, das „totaliter aliter“, das ganz
Andere.
Die
heilige Narrheit, so meint der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger
zu diesem Phänomen, mache durch ihre grotesken Züge deutlich, „wie die Andersheit
in das gewöhnliche Leben einbricht, zeigt aber auch die Unmöglichkeit, dieses
Andere in den Kategorien der normalen Realität zu fassen“. Die Narrheit werde
als ein Vorspiel zur Überwindung der empirischen Welt erkennbar.
Insofern
ist die Erfahrung des Komischen eine Erfahrung der Transzendenz. Sie stellt den
Menschen – wenn auch nur für kurze Zeit – außerhalb seiner dominanten gewöhnlichen
Welt. In ihrer säkularen Variante erfährt sich der Mensch als widersprüchliches
Wesen; in religiöser Sichtweise aber erkennt er sich als Teil der göttlichen
Schöpfung.
Wenn
das stimmt, erweisen uns die Narren auch unserer Tage einen geradezu aufklärerischen
Dienst. Sie geben eine ausschließlich rationalistische Sicht der Welt der
Lächerlichkeit preis, weil sie eine verengte Perspektive des Lebens darstellt
und in ihrer Verabsolutierung unmenschlich ist. Die Wertschätzung des
Närrischen dagegen, das „Lob der Torheit“ (Erasmus), bewahrt uns davor, dass
wir uns überheben und das Leben ausschließlich als Projekt des eigenen
Vermögens verstehen.