Wer das Heilige Land besucht,
unterzieht sich einer Prüfung: Er muss versuchen, eine Region zu verstehen, die
sich dem politischen Pragmatismus westeuropäischer Prägung weitgehend entzieht.
Das kann an die Grenzen der eigenen Möglichkeiten führen.
Das Foto links zeigt die Klagemauer, Fragment des im Jahre 70 n.Chr. zerstörten Zweiten Tempels. Unten die Kuppel des muslimischen Felsendoms auf dem Tempelberg.
Von Michael Strauss
Das Heilige Land ist ein
aufgewühltes Stück Erde – getränkt mit Blut und Tränen, gezeichnet von Gewalt
und Zerstörung, geschunden von Hass und religiösem Eifer. Und das nicht erst
seit 1948, der Gründung des Staates Israel, sondern seit mehr als 3000 Jahren.
Wer in Jerusalem steht – da, wo die heiligen Stätten von Judentum, Islam und
Christentum auf das Engste benachbart sind –, kann bis heute die Gegenwart
dieser Geschichte geradezu fühlen. Er wird an den 90. Psalm erinnert, wo es
heißt: „Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen
ist.“ In Jerusalem herrscht „Gotteszeit“; wie an keinem anderen Ort der Welt verdichtet
sich hier die Vergangenheit zu einer geradezu unheimlichen Aktualität.
Wer gedacht hat, die Kreuzzüge
seien tausend Jahre entfernt und lediglich das Kapitel in einem Schulbuch, wird
hier eines Besseren belehrt. Und wer meint, die Zerstörung des Tempels im Jahr
70 nach Christus durch die Römer spiele heute keine Rolle mehr, irrt genauso
wie derjenige, der den Auszug der Israeliten aus Ägypten im 13. Jahrhundert vor
Christus lediglich als religiösen Mythos versteht. Er verkennt, welchen
Einfluss religiöse Vorstellungen und historische Ereignisse auf die Politik im
Heiligen Land bis heute haben.
Diese handgreifliche historische
Gegenwart und religiöse Prägekraft ist für pragmatische Westeuropäer, die in
religionsneutralen Staaten und einer weitgehend säkularen Gesellschaft leben,
verstörend. Sie müssen feststellen, dass ihre Maßstäbe der politischen Analyse
dem Heiligen Land kaum gerecht werden. Warum, so fragt man sich, können sich
die politischen Vertreter Israels und der palästinensischen Gebiete nicht an
einen Tisch setzen und endlich ein friedliches Zusammenleben in zwei Staaten
organisieren? Das müsste doch allemal besser sein, als immerfort Menschen zu
töten und zu unterdrücken.
Vermutlich braucht es lange und
auf jeden Fall eine intensive Auseinandersetzung mit den besonderen
Gegebenheiten, bis man zumindest eine Ahnung von der Komplexität des
Nahost-Konfliktes erhält. Was man allerdings verhältnismäßig schnell begreift,
ist, dass es in Israel und Palästina stets um das große Ganze geht: die
staatliche und persönliche Existenz, das Heil des Volkes und die Erfüllung
eines heiligen Auftrags. Wer aber in heilsgeschichtlichen Kategorien denkt, dem
fallen pragmatische politische Kompromisse bekanntlich schwer.
Diese Erfahrung ist auch dem
christlichen Abendland nicht fremd. Lange, bis zum 17. Jahrhundert hat es
gedauert, bis die christlichen Fürsten- und Königtümer begannen, religiöse
Toleranz als Prinzip der praktischen Politik anzuerkennen. Weniger unterstützt
durch die Kirchen, sondern vor allem unter dem Einfluss der Aufklärung und
einer humanistischen Philosophie. Auch das (ehemals) imperiale
Selbstverständnis von Kirchen lässt sich im Heiligen Land noch besonders
eindrücklich studieren.
Selbst den Pilgern, die sich
lediglich in frommer Selbstversenkung auf die vermeintlich historischen Spuren
des Jesus von Nazareth begeben, legt es sich nahe. Sie erleben, wie die
unterschiedlichen Konfessionen eifersüchtig über die heiligen Stätten wachen.
So konkurrieren zum Beispiel in der Grabeskirche sechs Kirchen miteinander: die
Griechisch-Orthodoxe Kirche, die Römisch-Katholische Kirche, die Armenische
Apostolische Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Äthiopisch-Orthodoxe
Kirche sowie die Kopten. Weil sie aber alle miteinander im Streit liegen,
verwaltet die moslemische Familie Joudeh seit Jahrhunderten die Schlüssel der
Grabeskirche.
An Selbstbewusstsein mangelt es
keiner der Konfessionen im Heiligen Land. Besonders ausgeprägt scheint es aber
bei den Orthodoxen zu sein, die sich als Kirchen des alten byzantinischen
Reiches direkt auf apostolische Wurzeln zurückführen, wie etwa die armenische
Kirche. Ihrer Überzeugung nach haben die Apostel Judas Thaddäus und
Bartholomäus in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts in Armenien gepredigt
und dort christliche Gemeinden gegründet. Bereits im Jahr 301 wurde das Christentum
in Armenien zur Staatsreligion erklärt.
Vor diesem Hintergrund hat es
selbst die lateinische (römisch-katholische) Kirche schwer, historisches
Gewicht zu beanspruchen, beginnt ihr Einfluss im Heiligen Land doch erst mit
den Kreuzzügen im 12. Jahrhundert. Ganz zu schweigen von den Protestanten, die
zwar mit der von Kaiser Wilhelm II. 1898 eingeweihten Erlöserkirche im Herzen
Jerusalems ein Domizil besitzen, aber religionspolitisch im Heiligen Land ein
Nischenphänomen darstellen.
Wer im Heiligen Land nach
religiös imprägnierter Machtpolitik sucht, findet sie auch im christlichen
Spektrum. Auch hier werden Mauern errichtet, dient die Religion häufig eher der
Abgrenzung und der Durchsetzung eigener Interessen als dem Dialog und der
Verständigung mit anderen Kirchen oder gar Religionen. Eine Lage, die in
ökumenischer Hinsicht meilenweit von dem entfernt ist, was wir in Deutschland
als normal erachten und die uns vor Augen führt, welch eine begrenzte Perspektive
von Ökumene hierzulande vorherrscht.
Ganz und gar bedrückend aber sind
die Mauern aus Stein und Beton: Wer von Jerusalem in das etwa 15 Kilometer
entfernte Bethlehem fahren möchte, steht bald vor einer riesigen militärischen
Sperranlage. Wie ein großes Gefängnis ist das vor allem von Palästinensern
bewohnte Westjordanland seit ein paar Jahren nahezu hermetisch abgeriegelt. Die
Durchfahrt ist mit teilweise intensiven Kontrollen verbunden und erinnert an
die Grenzkontrollen zur ehemaligen DDR.
Israel will damit das Einsickern
von Terroristen und Selbstmordattentätern verhindern, hat mit der Mauer aber
auch ein menschenverachtendes Symbol geschaffen. Es dokumentiert den Stillstand
im Friedensprozess mit den Palästinensern und schürt die gegenseitige
Feindschaft. Vielfach verstärkt wird der Konflikt durch die Siedlungspolitik: Immer
wieder hat Israel in den vergangenen Jahren palästinensischen Grund und Boden
konfisziert, um neue Häuser für jüdische Zuwanderer, teilweise ganze Städte zu
bauen.
So liegen in den
palästinensischen Gebieten mittlerweile mehr als hundert jüdische Siedlungen
wie Inseln, verbunden durch ein skurriles Netz von Straßen, auf denen teilweise
nur Israelis oder nur Palästinenser fahren dürfen. Mit der Folge, dass eine
Zwei-Staaten-Lösung immer schwerer zu realisieren ist: Israel müsste entweder
konfisziertes Land kompensieren oder ganze Orte wieder abreißen.
Land bedeutet in dem kleinen
Küstenstreifen zwischen östlichem Mittelmeer und Jordantal wie kaum sonst
irgendwo Leben – für die Palästinenser, die sich vertrieben und unterdrückt
fühlen, wie für Israel, das hier seine biblisch verheißene Heimat verortet. Und
während die Palästinenser trotz aller Rückschläge mit bewundernswertem Einsatz
an ihrer Staatswerdung arbeiten, kämpft Israel unvermindert mit dem Trauma der
Shoa. Sie ist der moderne Gründungsmythos des Staates Israel, dem alle Politik
verpflichtet ist. Ein Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem führt das jedem
Besucher unmissverständlich vor Augen. Nie mehr, so die Botschaft, sollen Juden
verfolgt und vertrieben werden und in ihrer Existenz gefährdet sein.
Diese Dimension macht es
Deutschen zusätzlich schwer, die Lage im Heiligen Land angemessen zu
beurteilen. Jede Äußerung muss stets der historischen Verantwortung für den Holocaust
eingedenk bleiben. Eine Zuflucht bietet da vielleicht der 122. Psalm. Dort
heißt es: „Wünschet Jerusalem Glück! Es möge wohlgehen denen, die dich lieben!
Es möge Frieden sein in deinen Mauern ... Um des Hauses des Herrn willen,
unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen.“